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Unsere dialogische Körperarbeit gedeiht und lebt im Zusammenspiel mit den TeilnehmerInnen an unseren Kursen. Die Zeit, die wir uns nehmen und die wir einander geben, macht die Qualität unserer Kurse aus. Für das kommende Jahr 2018 haben wir wieder Kursformate für verschiedene Bedürfnisse zusammengestellt. Die Freitagabendworkshops eignen sich zum Kennenlernen und Dranbleiben. Die  mehrtägigen Workshops im Tessinbieten die Möglichkeit eines vertieften Eintauchens und vielfältige Erlebnisse durch die Arbeit in der Natur und im Bewegungsraum. An den Thementagen in Bern beleuchten wir aus dem spezifischen Blickwinkel von Danced Body Work Themen aus dem Berufsfeld der Körpertherapie.

Alle Workshop-Daten für 2018 mit den detaillierten Informationen befinden sich hier Agenda

Der nachfolgende Artikel beschreibt die Grundlagen der experimentellen Körperarbeit

Danced Body Work – touch relate interact

entwickelt von Brigitta Renggli und Patrick Collaud seit 2011.

Danced Body Work ist eine dialogische, experimentell ausgerichtete Bewegungs- und Körperarbeit. Motiviert vom Vertrauen in die Wirkkraft des Dialogs und der Improvisation haben die Shiatsutherapeutin, Alexandertechniklehrerin und Contactimprovisationstänzerin Brigitta Renggli und der Tänzer und Psychomotoriktherapeut Patrick Collaud die Arbeit/Methode ab 2011 kontinuierlich entwickelt. Die Grundlagen bilden einerseits das tänzerische Repertoire der Contactimprovisation, sowie Erfahrungen aus verschiedenen Körperarbeit-Methoden, andererseits sind auch psychologische und philosophische Überlegungen ein wichtiger Bestandteil dieser Körperarbeit.

Meist ist es eine einfache Berührung im Rahmen einer klar umrissenen Aufgabe, die den Anfang eines Bewegungsdialoges bildet. Je nach Thema oder Bedürfnis beginnen die Interaktionen im Liegen, im Sitzen oder im Stehen und können sich  von kleinen, stillen Bewegungsdialogen zu weiträumigen, kräftigen und sogar heftigen Bewegungen entwickeln. Alle Körperteile können für die Berührungen und gemeinsamen Bewegungen eingesetzt werden. Ziel ist die Entfaltung und Gestaltung eines Körperdialogs im Rahmen einer spezifischen Aufgabenstellung. Dieser ganzkörperliche Dialog ermöglicht neue, oftmals überraschende Berührungs- und Bewegungserfahrungen, sowie einen immensen Gestaltungsraum. Die Improvisation wiederum gewährt das Erforschen neuer Wege, die Entwicklung eines reichhaltigen und kreativen Bewegungsspektrums, Kompetenz in der Körperdialoggestaltung und die Entdeckung von Ungeahntem. All dies beinhaltet aber nicht zuletzt auch den Genuss Berührungen vielfältig empfangen und gestalten können. Berührungsimprovisationen sind für uns Werkzeug, Kunst, Bedürfnis, Therapie, Weltzugang, Reichtum.

Danced Body Work basiert auf 5 Kernelementen, die zusammen die Grundlage und Besonderheit dieser Arbeit bilden: Interaktion, Berührung, Improvisation, Tanz und Reflexion.

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Interaktion

Die in Körperbehandlungen meist festgelegte Rollenteilung in aktiv und passiv, in Behandler/Therapeut und Behandelter/Klient, ergänzen wir um den Aspekt der Wechselseitigkeit.
Gemeinsames Erleben entsteht und ereignet sich im Körper- und Bewegungsdialog, im wechselseitigen Aufeinander-Einwirken und im gegenseitigen Abstimmen von Berührungen, Bewegungen, Gefühlen und Stimmungen. Erkenntnisse werden nicht aus einer Aussenperspektive gewonnen, sondern aus der gemeinsamen Erfahrung. Im Brennpunkt unserer Bemühungen stehen weniger das zielgenaue Erfassen und Behandeln von Symptomen, als vielmehr ein Tanz der Interaktionen (Daniel Stern).

Für die konkrete dialogische Körperarbeit liegt die Herausforderung darin, genügend Wissen und Erfahrungen zu besitzen, um einen Dialog bewusst initiieren und gestalten zu können.  Dieser läuft nicht einfach „naturgegeben“ vorteilhaft ab, sondern er muss gemeinsam erarbeiteten Gesetzmässigkeiten folgen, die beiden Partnern einen geteilten Bezugsrahmen schaffen. Unabhängig vom Erfahrungshintergrund der beiden Interaktionspartner sollen die spezifischen Fertigkeiten von Danced Body Work – unsere Werkzeuge – der Beziehung dienen und nicht eine Hierarchie etablieren.

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Berührung

Der Körperkontakt ist der Ausgangsort des Dialoges und die Berührungsstelle zweier Subjekte. Impulse gehen an den Berührungspunkten hin und her, werden gesendet, aufgenommen, verarbeitet, beantwortet. Der Dialog, den wir anstreben, ist ein Austausch, der in einer eindeutigen Bezugnahme aufeinander geschieht und dadurch Sinn und Bedeutung bekommt.
Dass der ganze Körper zur Berührung eingesetzt werden kann, ist eine der Eigenarten unserer Arbeit. Daraus entstehen ganz unterschiedliche Berührungs- und Wahrnehmungserfahrungen, von starken propriozeptiven Impulsen durch das Körpergewicht bis zu sehr feinen Empfindungen durch leichte Berührungen einzelner Körperteile.

In der praktischen Arbeit sind uns drei Kontaktebenen wichtig, welche die Voraussetzungen zu einem stimmigen Dialog ermöglichen:

Der innere Kontakt, also der Bezug jedes Einzelnen zu sich selbst, seinem Körper, seinen Bewegungen, Empfindungen, Gefühlen und Gedanken. Der Kontakt zum Boden wiederum verspricht Verbindung, Unterstützung und Orientierung im Raum. Diese beiden Aspekte bilden die Voraussetzung dafür, um im respektvollen Kontakt mit einem Partner die ganze Bandbreite von Berührungsmöglichkeiten ausschöpfen zu können. Dazu gehören der Gebrauch verschiedener Körperteile, der Hände oder des ganzen Körpergewichts, sowie der Einsatz eines weiten dynamischen Spektrums von sanft, langsam, schnell, wild, ausgreifend, kleinräumig, fliessend, bis abrupt.

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Improvisation

Wir wissen nicht, wollen nicht wissen, kultivieren die Lust am Unvorhergesehenen, schöpfen den Reichtum der Bewegungen und Berührungen aus dem Meer des Unvorhergesehenen, lassen „mehr“ aus dem „Meer“ der Möglichkeiten werden. Improvisation ist Weg und Ziel zugleich. Sie fordert und fördert das Entstehen von neuartigen Bewegungen und Empfindungen, sie regt neues Körperwissen an, gewohnte Muster können erweitert werden. Jede Bewegung, die in diesem gemeinsamen Dialog erlebt wird, kann in derselben Einmaligkeit nicht wiederholt werden, aber immer wieder können wir Eintauchen ins Nichtwissen und Geschehen lassen, um aus dieser Quelle zu schöpfen.

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Tanz

Dem Tanz kommt in unserer Körperarbeit eine zentrale Bedeutung zu. Ähnlich wie in der Contactimprovisation entsteht aus Momenten der Berührung, der Gewichtsverlagerung und der Improvisationsfantasie der einzelnen TänzerInnen ein fliessender Körperdialog. Die Tanzenden lehnen sich gegenseitig an, sie tragen sich, rollen, stossen sich ab, verweilen in Stille, lassen sich von der von ihnen selbst erzeugten Dynamik forttragen, folgen eigenen und fremden Bewegungsimpulsen. Doch so masslos, ausschweifend und verschwenderisch die einzelnen Handlungen im Tanz oft sein mögen, sie sind im selben Masse durch Stetigkeit gekennzeichnet. Deshalb ist der Tanz ein Geschehen, das durch seinen ununterbrochenen Charakter die Zeit sinnlich erfahrbar macht und sie als ein Kontinuum wahrnehmbar werden lässt. Ob sie agieren, reagieren, interagieren, die Tanzenden sind aufgehoben in einem gemeinsam geteilten Zeitstrom. Dies erfordert die Fähigkeit zur Bezogenheit auf sich selbst und auf den Anderen. Diese intensive Bezogenheit ist eher als die wilden Gesten oder das technische Geschick der Tanz selbst. So gesehen kann auch blosses Nichtstun ein Tanz sein. Welches auch immer seine Eigenart ist, der Tanz schenkt uns einen Reichtum, der uns die Freiheit gibt aus der Fülle eine Wahl zu treffen.

In Danced Body Work werden Tanz und Behandlung nicht synthetisiert, sondern sie bleiben die beiden Pole, welche die Spannbreite bilden, in der sich die Bewegungsinteraktionen potentiell abspielen. Wir haben auf der einen Seite Berührungs- und Bewegungsinteraktionen, die eine behandelnde Intention haben können, wenn beispielsweise ein Partner Berührungen hauptsächlich empfängt. Auf der anderen Seite steht in der Wechselseitigkeit des gemeinsamen Tanzes der kreative Ausdruck im Vordergrund.

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Reflexion

Unter Reflexion verstehen wir vor allem zwei Aspekte: Erstens ein Wechsel der eigenen Perspektive, vorgenommen aus einer Position der zeitlichen und emotionalen Distanz (Metaebene). Zweitens streben wir einen Prozess der Wortfindung an. Er geht in unserer Arbeit primär vom körperlichen Erleben und Erfassen aus und kann in einem zweiten Schritt zum sprachlichen Verstehen und Erklären führen. Die Sprache erlaubt ein Einweben des Erfahrenen in das eigene Leben, sie hilft, sich über die Bedeutung des Erlebten klar zu werden. Die Sprache sollte dabei, genauso wie die körperlichen Interaktionen, kommunikativen Prinzipien folgen, die ein hohes Mass an Freiheit, Sicherheit, Wechselseitigkeit und Neugierde erlauben.
Die gedankliche Reflexion ermutigt auch zum permanenten Wechsel unserer Perspektiven und theoretischen Annahmen. Sie hinterfragt gängige Bilder, Begriffe und deren Auslegung, wie beispielsweise Entspannung, Zentrierung, harmonisch, natürlich, die sich in vielen Körperarbeitmethoden zum Konstrukt verfestigt haben. Ein vertieftes Erleben und Nachdenken über diese oft verwendeten Begriffe kann neue Zusammenhänge schaffen und den unhinterfragten Wörtern zu neuen Konturen verhelfen.